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Warum muss überhaupt geschnitten werden?

 

Ohne Schnitt geht es nicht

Es ist die absolute Ausnahme, wenn ein Filmer die gewünschten Einstellungen gleich "vor Ort" in der richtigen Reihenfolge drehen kann. Selbst wenn, dann werden nicht alle Aufnahmen (Einstellungen) fehlerfrei gelingen, so dass Einstellungen wiederholt werden müssen. Außerdem wird jedem Filmer empfohlen, alle Einstellungen grundsätzlich länger aufzunehmen als er sie später benötigt und von besonders wichtigen Einstellungen sicherheitshalber mehrere Versionen aufnehmen. Aus diesen Gründen verfügt ein Filmer am Ende seiner Dreharbeiten lediglich über Rohmaterial, und zwar mehr als er für einen schwungvollen Film benötigt.

Deshalb besteht ein wichtiger Teil der sogenannten Nachbearbeitung darin, dass (heraus-)geschnitten, gekürzt und umgestellt werden muss. Im engeren Sinn bezieht sich der Begriff Filmschnitt auf das Herausschneiden von Einstellungen aus dem vorhandenen Rohmaterial bzw. auf das Kürzen von Einstellungen auf die gewünschte Länge. Werden diese Einstellungen dann im nächsten Schritt zu einer überlegten Reihenfolge (Sequenz) verknüpft, also "montiert", spricht man von der Montage. Die Begriffe "Schnitt" und "Montage" werden gleichbedeutend verwendet. Bei der Nachbearbeitung müssen die meisten Filmer den "Mut zur Kürze" und die "Kunst des Weglassens" erst erlernen. Hitchcock hat einmal gesagt: "Das Drama ist ein Leben, aus dem man die langweiligen Momente herausgeschnitten hat". Das gilt uneingeschränkt auch für den Filmschnitt. Nachfolgend die wichtigsten Gründe, weshalb geschnitten werden muss:

  • um misslungene Einstellungen herauszunehmen,
  • um zu lange Einstellungen zu kürzen,
  • um Handlungsabläufe auf das Wesentliche zu konzentrieren,
  • um den richtigen Bewegungsfluss herzustellen,
  • um eine plausible Handlungsfolge zu erstellen,
  • um eine Geschichte dramaturgisch wirkungsvoll aufzubauen,
  • um ergänzend Zwischenschnitte einzufügen (Inserts),
  • um durch den Schnitt beim Zuschauer Reaktionen zu erzeugen (z.B. Überraschung, Schock, Einsichten),
  • um den Originalton (O-Ton) zu bearbeiten bzw. zu verändern.

Der Kuleschow-Effekt

Schnitt bzw. Montage sind gestalterische Tätigkeiten. Sie haben nicht zuletzt das Ziel, beim Zuschauer gewisse, vom Filmemacher beabsichtigte emotionale, aber auch kognitive Reaktionen hervorzurufen (Gefühle, Erkenntnisse, Nachdenklichkeit). Hierbei gilt ein wichtiger Satz: "Der endgültige Film entsteht im Kopf des Zuschauers". Wie stark der Zuschauer beim Filmerleben beteiligt ist, hat der russische Filmtheoretiker Lew Wladimirowitsch Kuleschow (1899-1970) schon in der Frühzeit des Films durch mehrere Experimente belegt ("Kuleschow-Effekt"). 1921/22 montierte er eine Großaufnahme des ausdrucksarmen Gesichts des Schauspielers Iwan Mosjukhin jeweils in unterschiedliche szenische Zusammenhänge, und zwar geschnitten zu einem Teller Suppe, zu der Aufnahme einer verführerischen Frau auf einem Diwan und zu einem Sarg mit einem Leichnam. Die Zuschauer schrieben dem Gesichtsausdruck Mosjukhins im dem einen Fall Hunger, im zweiten Begierde und im dritten Trauer zu. Kuleschow leitete daraus die These ab, dass es nicht so wichtig sei, wie eine Einstellung aufgenommen wurde, sondern wie sie geschnitten wird. Mit anderen Worten: Einstellungen erhalten erst im Rahmen ihrer Verbindung (Montage) eine definitive Bedeutung. Die Originalaufnahmen von Kuleschows Montage-Experimenten sind übrigens verschollen.

 

Die Konsequenz

Bereits beim Filmen "vor Ort" muss überlegt und geplant werden, welche Einstellungen für das jeweilige Thema benötigt werden, beispielsweise der Einstieg in die Filmgeschichte, der Ausstieg aus dem Thema bzw. das Filmende, notwendige Totalen als Überblicke, Großaufnahmen, Zwischenschnitte, Übergänge usw. Es kann nicht häufig genug gesagt werden: Beim Schneiden am Schnittcomputer kann nichts ver- oder bearbeitet werden, das nicht vorher gefilmt wurde!

 

"Archivfilmer" brauchen keinen Schnitt

Für sogenannte Archivfilmer ist ein Film fertig, wenn die Aufnahmen "im Kasten" sind. Sie filmen spontan, ohne Konzept und in der Reihenfolge, wie ihnen die Ereignisse vors Objektiv kommen. Manche schaffen es sogar, gleich bei der Aufnahme auch noch "live" einen Kommentar einzusprechen. Damit ist – so meinen sie – der Film auch schon aufführungsfähig. So zeigen den ihn dann auch. Die vielfältigen Möglichkeiten der Nachbearbeitung (Montage, Vertonung) sind ihnen fremd oder schlicht zu mühsam. Vielleicht verkünden sie auch: "Das mache ich später mal, wenn ich in Rente bin…". Allenfalls lassen sie sich noch dazu hinreißen, besonders misslungene Einstellungen herauszuschneiden und legen als Vertonungsersatz noch "Musiksoße" unter die Bilder. Eigentlich ist – nach Meinung der Archivfilmer – der Film nun aber auch fertig und kann in den Schrank, ins Archiv…

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